„Wir brauchen eine neue Allgemeinbildung für Technologie“

Immer mehr Menschen fällt es schwer, bei all den neuen Entwicklungen und Technologien den Überblick zu behalten. Wie geht das noch einmal mit der Online-Überweisung auf meiner Bank-App? Warum soll ich mir die Mühe machen, beim Anwählen von Webseiten so wenig Cookies wie möglich zuzulassen? Und könnte Künstliche Intelligenz in zehn Jahren meinen Job machen? Wolf Lotter, Keynote-Speaker der COPETRI CONVENTION 2023, erklärt, warum es so wichtig ist, Zusammenhänge zu verstehen – und was passiert, wenn wir zulassen, dass sich die Welt weiterdreht, ohne dass wir unseren digitalen Fußabdruck kontrollieren. Er meint: Wir brauchen eine Allgemeinbildung für Technologie und Digitalisierung.

Wolf Lotter - Technologien Allgemeinbildung

Wolf, warum glaubst du, dass wir in der heutigen Zeit mit ihren vielfältigen Entwicklungen und Technologien Schwierigkeiten haben, die Welt um uns herum zu verstehen?

Hinweise darauf gibt es jeden Tag in großer Zahl. Wir können mit der Komplexität der heutigen Zeit nicht richtig umgehen. Das hat mit unserer Kultur zu tun. Wir kommen aus einer Eindeutigkeitskultur. Das ist eine abendländische Tradition, die uns dazu zwingt, in „Ja“ und „Nein“, in „Entweder“ und „Oder“ zu denken. Sie führt dazu, dass wir bei allen Vorhaben, die etwas Neues, Vielfältiges beinhalten, stecken bleiben. Denn wir können diese Welt nicht mehr in schwarz und weiß gliedern. Das zweite ist, dass wir durch die industrielle Revolution, durch die Moderne, eine unglaubliche Anzahl von Expertinnen und Experten geschaffen haben. Es gibt heute Tausende von Berufen, und die gliedern sich in weitere Fachgebiete auf. Sehr oft wissen wir nicht, was wir überhaupt wissen. Das heißt, wir verstehen einander nicht mehr. Daher ist es wichtig, sich den Satz von Ökonom Peter Drucker vor Augen zu halten: Um Wissen produktiv zu machen, müssen wir lernen, sowohl den Wald als auch den einzelnen Baum zu sehen, wir müssen lernen, Zusammenhänge herzustellen.

 Wie können wir lernen, Zusammenhänge herzustellen?

Wir brauchen eine Art Allgemeinbildung für diese neue Welt, ein neues Verständnis von Vielfalt. Echte Diversität, die die Unterschiede zwischen den Menschen betont – und zwar die positiven Unterschiede, nicht die negativen Unterschiede. Wir müssen erkennen, dass wir diese unterschiedlichen Persönlichkeiten, diese Vielfalt arbeiten lassen müssen. Das ist ein Jahrhundertprojekt. Es ist extrem schwer, wenn man aus einer Massengesellschaft kommt, die alles vereinheitlich, eine Welt zu schaffen, in der Individualität und Persönlichkeit eine Rolle spielen.

Wolf Lotter ist Keynote-Speaker, Buchautor und Essayist. Er spricht und schreibt über Transformation und Innovation. Wolf ist gelernter Buchhändler und studierte nach seiner Ausbildung Geschichte und Kommunikationswissenschaften an der Universität Wien. Bereits während des Studiums arbeitete er für renommierte österreichische Zeitungen und Magazine wie dem „Falter“ und „profil“. Wolf schreibt als Kolumnist unter anderem für die „Wirtschaftswoche“ und „Spiegel.de“. Außerdem betreibt er für die Haufe Group den Podcast „Trafostation“. Der 60-Jährige ist Gründungsmitglied des Wirtschaftsmagazins „brand eins“ und der Schriftstellervereinigung PEN Berlin.

Inwiefern kann eine ganzheitliche Betrachtung von Problemen und Phänomenen dazu beitragen, Zusammenhänge besser zu verstehen?

Die Frage ist, was ganzheitlich ist. Wenn du heute in eine Firma gehst, gibt es Meetings, die selten über die einzelnen Abteilungen hinausgehen. Das ist schade. Es ist wichtig, dass wir uns gegenseitig erzählen, warum wir etwas tun. Damit die Vertriebler verstehen, was die Kollegen in der Entwicklung denken, und damit die aus der Entwicklung verstehen, was beispielsweise im Fahrdienst gemacht wird. Das war früher besser als heute. Ich erinnere mich an Zeiten, in denen die Leute am Empfang eines mittelständischen Unternehmens erzählen konnten, was das für eine Firma ist, für die sie arbeiten. Das war eine Geschichte, die getragen und die jeder verstanden hat. Wir müssen die Narrative neu aufsetzen, um in dieser differenzierten Welt wieder einen gemeinsamen Nenner zu finden. Auch wie wir uns gegenseitig etwas erzählen können, ohne dass wir alle die gleiche Story erzählen. Das ist die Kunst. Es geht nicht ums Vereinheitlichen. Sondern um unterschiedliche Bilder, die trotzdem ein Ganzes ergeben. Diese Übungen laufen im Wesentlichen schon, weil wir sehen, dass wir sonst nicht mehr weiterkommen.

Wie können wir uns denn selbst dazu ermutigen, Zusammenhänge zu suchen und zu verstehen, anstatt uns auf einer oberflächliche Betrachtung zu beschränken?

Um Zusammenhänge zu verstehen, müssen wir anfangen, unser Wissen zu teilen. Sonst können diese Ressourcen nicht wirksam werden. Wissen, das wir für uns behalten, wird immer weniger und letztlich gar nichts mehr wert sein. Viele Leute machen den ganzen Tag etwas, von dem sie gar nicht wissen, wofür es gut ist. Das klingt absurd, aber es ist so. Wir sind in dieser Routinearbeit gefangen. Es gibt immer neue Abschnitte, immer neue Häppchen, aber nie das große Ganze. Das führt zu massiver Entfremdung. Das hatten wir schon im 19. Jahrhundert. Karl Marx hat darauf hingewiesen. Und das ist in unserer Zeit noch viel stärker geworden. Wir müssen uns fragen: Was tun wir? Was ist das Ziel, das wir verfolgen? Was ist unser gemeinsames Ziel und wie sind wir in unserer Vielfalt geeint? Dann hat man diesen Rahmen, den man eigentlich braucht.

Welche Rolle spielen Technologie und Digitalisierung für ein besseres Verständnisses von Zusammenhängen?

Eine große Rolle, wenn wir das ernst nehmen. Aber dazu müssen wir erstmal definieren, was Digitalisierung ist. Ich beobachte seit einiger Zeit, dass die Allgemeinbildung in der Technologie ziemlich schlecht geworden ist. Ich komme ursprünglich aus der Beschreibung von Technologien. Wir wussten über die Informationstechnologie ihrer Zeit in den 1980er und 90er Jahren mehr, als wir heute über unsere jetzige Technologie wissen. Das können wir über die merkwürdige Diskussion über Künstliche Intelligenz nachvollziehen. Die Menschen wissen nicht, was das ist, können die Zusammenhänge nicht herstellen. Sie wissen nicht, was Algorithmen können – und was sie nicht können. Daher glauben sie an eine höhere Macht, an ein Schicksal der Technologie.

Tatsächlich ist es so, dass es eine Voraussetzung für das Erkennen von Zusammenhängen und Wissensarbeit ist, eine Art Allgemeinbildung für Technologie und Digitalisierung zu haben. Wir müssen unsere Führungsrolle betonen, und nicht uns von der Technologie treiben lassen, mitmachen und ahnungslos oder gar ohnmächtig bleiben. Wir müssen gestaltend wirken. Was wir benutzen, müssen wir auch verstehen. Wir müssen auch verstehen, was wir verhindern wollen. Wir haben große Probleme auf globaler Ebene, die wir lösen müssen. Wir haben große Gerechtigkeitsprobleme. Die können wir nur lösen, indem wir nüchtern und pragmatisch an die Sachen herangehen.

Wie können wir sicherstellen, dass wir bei unseren Bemühungen, Zusammenhänge zu verstehen, nicht in irgendwelche Verschwörungstheorien oder andere Formen der Desinformation abrutschen?

Das ist ein ganz wichtiger Punkt – gerade vor dem Hintergrund der Erfahrungen aus der Corona-Pandemie. Selbst denken bedeutet nicht, einer Verschwörungstheorie anzuhängen. Selbst denken ist sehr wichtig in der Aufklärung und sehr wichtig auch in der Emanzipation. Das haben Leute missbraucht, die eben nicht selbst denken, sondern die es sich einfach machen. Sie behaupten, es gäbe eine große Verschwörung, die sich gegen sie richten würde. Das kennen wir übrigens auch aus der Wirtschaft, diesen Habitus der Wirtschaftskritik, die immer generell sagt, die Wirtschaft, der Kapitalismus, das System sei schuld. Damit ist es dann erledigt, weil wir einen Sündenbock haben. Wir müssen weg von dieser Denke und das geht nur mit Selbstehrlichkeit. Aber das wird auch nicht alle erreichen. Wir werden weiterhin Leute erleben, die lieber an Verschwörungen glauben, weil sie es sich leicht machen wollen. Aber wir sollten es ihnen nicht leicht machen. Wir müssen klare Worte finden: Wer gegen die Wissenschaft argumentiert und gegen die Fakten kommentiert, müsste gesellschaftlich stärker geächtet werden als das bisher der Fall war.

Welche Konsequenzen hat es, wenn wir Zusammenhänge nicht verstehen und uns auf oberflächliche Betrachtungen beschränken?

Wer Zusammenhänge nicht verstehen will, wird ein nützlicher Idiot – und auf jeden Fall manipuliert und missbraucht. Gelegenheit macht Diebe. Ich sehe, dass wir heute kein großes Engagement für die Transformation aufbringen. Viele warten einfach darauf, dass oben die Politik etwas erledigt, was eigentlich die Bürgerinnen und Bürger selbst erledigen müssten, was eine vitale Zivilgesellschaft selbst schaffen muss. Das geht von der Ökologie bis über die Veränderungen in den Organisationen. Daher glaube ich, dass wir uns selbst schaden, wenn wir immer nur mitlaufen. Denken ist eine schwierige Arbeit. Da muss man sich anstrengen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der harte physische Arbeit immer weniger wird, in der wir immer weniger schwitzen. Der Preis dafür ist, dass wir uns mit dem Kopf stärker bemühen müssen.

Wie können wir denn sicherstellen, dass wir zukünftig in der Lage sind, Zusammenhänge zu verstehen, wenn sich die Welt mit ihren neuen Technologien und ihrer Komplexität um uns herum ständig weiterentwickelt?

Es gibt keine Garantien. Das ist einer der großen Irrtümer des alten, universalistischen Denkens, das von den Religionen herkommt, die uns garantiert haben, dass wir in den Himmel kommen. Jetzt sind wir in einem System, in dem wir garantiert haben wollen, dass alles gut wird. Es wird nur dann gut, wenn wir selbst Zusammenhänge erkennen und nachvollziehen können. In der Wirtschaft sehen wir das sehr deutlich, denn auch da braucht es natürlich eine Wettbewerbsbeschränkung. Das sind mitunter Monopole, die da agieren und sehr vieles von dem, was in der Web-Ökonomie passiert, passiert ohne das Bewusstsein der Menschen. Sie nutzen Produkte, aber verstehen nicht, wie sich diese finanzieren. Sie bezahlen mit ihren Daten, ohne sich dabei etwas zu denken. Da liegt der große Irrtum, denn viele Menschen wissen nicht, wieviel Privatsphäre sie aufgeben. Alles hat seinen Preis, wir sind da tatsächlich sehr blauäugig.

Wolf, vielen Dank für das Gespräch!