Start-ups in Afrika: Modern, innovativ, digital

Innovation und Afrika – wer glaubt, dass in dieser Hinsicht zwei Welten aufeinanderprallen, irrt. Der Kontinent mit seinen 54 Staaten besteht nicht nur aus Landwirtschaft, die ohne große Erntemaschinen auskommen muss. In den Metropolen mit Millionen Einwohnern findet ein Leben statt, dass sich nicht so stark von dem Alltag in Europa oder den USA unterscheidet. Vielleicht besteht der Unterschied darin, dass Innovation mehr durch Individuen vorangetrieben wird, weniger staatlich gefördert. Was den Kontinent für westliche Investoren so attraktiv macht, warum Afrika in Zukunft eine größere Rolle spielen wird und was wir von afrikanischen Start-ups lernen können, erfahren wir von Sophia Bogner und Paul Hertzberg. Sie haben ihre Erfahrungen in dem Sachbuch „Jenseits von Europa“ zusammengetragen.

Chiara Wettmann

Worum geht es in „Jenseits von Europa“?

Das Buch ist eine Sammlung von Portraits über Menschen aus zwölf afrikanischen Ländern, die alle ein eigenes Business aufgebaut haben – und damit mehr oder weniger erfolgreich sind. Das sind Macher, die die Gesellschaft, in der sie leben, verändern wollen.

Afrika ist ein riesiger Kontinent mit 54 Ländern, kommt aber in der deutschen Berichterstattung relativ wenig vor. War das euer Antriebsmotor?

Wir haben angefangen, an dem Buch zu arbeiten, nachdem wir schon dreieinhalb Jahre von dem Kontinent für deutsche Medien berichtet hatten. In Afrika gibt es viele spannende Entwicklungen, die Europäer und vor allem die Deutschen nicht so wirklich wahrnehmen. Wir fanden es interessant, uns einmal nicht auf die Probleme in Afrika zu fokussieren, auf das, was nicht funktioniert, sondern wollten schauen, was es darüber hinaus noch gibt. Diese Fremdheit und die Berührungsängste gegenüber dem Kontinent, die in Deutschland teilweise immer noch herrschen, wollten wir abbauen helfen. In Afrika passiert ganz viel, auch sehr viel Fortschritt, den die Leute hier nicht sehen, weil sie in veralteten Narrativen festhängen. Über die individuellen Geschichten der Unternehmer:innen haben wir ein Vehikel gefunden, positive Beispiele sichtbar zu machen. Nach dem Motto: Für Afrika interessieren sich wenige Menschen, aber fürs Geld verdienen interessieren sich alle. 

Sophia Bogner ist Fernsehredakteurin und arbeitet bei der ARD in Hamburg. Sie studierte Literatur, VWL und Politik in Paris, Shanghai und an der University of Cambridge. Sophia ist Absolventin der Deutschen Journalistenschule München. Vier Jahre bereiste die 35-Jährige – gemeinsam mit Co-Autor Paul Hertzberg – Afrika und berichtete u.a. für den Spiegel, die Zeit, FAZ NZZ, brand eins und den Deutschlandfunk.

Paul Hertzberg reiste nach dem Abitur zwei Jahre um die Welt. Er war Hafenarbeiter und Barkeeper. Seine journalistische Laufbahn begann er als Lokalreporter bei der Berliner Morgenpost und der Welt. Anschließend absolvierte er eine journalistische Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule München. Dort war der 32-Jährige Stipendiat des Bayrischen Journalistenverbands.

 Sophia und Paul erhielten für ihre Berichterstattung aus Afrika unter anderem den Ludwig-Erhard-Förderpreis für Wirtschaftspublizistik 2022, den Deutschen Journalistenpreis im Bereich „Innovation & Nachhaltigkeit“ sowie den Helmut Schmidt Journalistenpreis 2022.

Nach welchem System habt ihr die Menschen ausgesucht, die ihr in dem Buch vorstellt?

Wir wollten möglichst viele Branchen und viele unterschiedliche Typen von Unternehmer:innen zeigen, unterschiedliche Alter, Männer, Frauen. Wir hatten noch viel mehr Kandidat:innen auf der Liste. Ursprünglich haben wir mit 40 Namen jongliert, dann viele aus unterschiedlichen Gründen weggestrichen. Das einzige Kriterium, das uns von Anfang an wichtig war: Wir wollten über Gründer:innen schreiben, nicht über Manager von großen Unternehmen. Der Rest hat sich entwickelt.

Wie habt ihr eure Protagonisten gefunden?

Wir haben viel in angelsächsischen Medien gelesen. CNN, New York Times, der Guardian – die berichten wesentlich mehr über Afrika. Außerdem haben wir viel Zeit vor Ort verbracht und viele Leute kennengelernt. Finanzieller und unternehmerischer Erfolg wird in Afrika extrem gefeiert, die Akteure wie Popstars verehrt. Es gibt so eine „African Dream“-Mentalität – das geht mit einer intensiven Berichterstattung auf sehr vielen Websites einher. Es gibt viele kleine Online-Magazine, denen wir schon eine ganze Weile gefolgt sind.

Wie habt ihr das Projekt finanziert? Habt ihr mit einer Stiftung zusammengearbeitet?

Es ist ganz interessant, dass sich diese Frage überhaupt stellt. Aber das fragen uns alle, und nicht nur Kollegen, die sich mit den Arbeitsbedingungen von Journalisten auskennen. Trotzdem ist die Frage bizarr und sagt viel über den heutigen Journalismus aus. Schließlich war es unser Job, als freie Auslandskorrespondenten über Afrika zu berichten. Damit sind wir natürlich nicht reich geworden, aber wir haben viel veröffentlicht, und konnten davon leben. So haben wir unseren Lebensunterhalt finanziert. Aber für die Buch-Recherche hatten wir tatsächlich finanzielle Unterstützung. In der Zeit sind wir so eng getaktet gereist, dass wir das nicht mehr selbständig mit unserer journalistischen Arbeit hätten auffangen können. Deswegen hat die Konrad-Adenauer-Stiftung das Projekt mitfinanziert. Ohne deren Hilfe wäre es nicht gegangen.

Das kann ich mir vorstellen. Obwohl Afrika als ein armer Kontinent gilt, heißt es nicht, dass Reisende dort nicht viel Geld bräuchten, oder?

Das ist eines dieser vielen Vorurteile über Afrika. Viele Europäer und insbesondere Deutsche glauben, dass der Kontinent billig ist. Diese Idee, dass dort, wo viele Menschen arm sind und wenig verdienen, das Leben wahnsinnig günstig sein muss – die stimmt nur, wenn du total rudimentär lebst. Aber wer arbeitet und nach westlichen Mittelklasse-Standards leben möchte, für den ist es in Afrika genauso teuer wie hier. Wenn nicht sogar teurer.

Viele Europäer trauen sich gar nicht nach Afrika, auch nicht nach Südamerika, weil sie das für gefährlich halten. Habt ihr brenzlige Situationen erlebt oder Momente, in denen ihr euch nicht sicher gefühlt habt?

Natürlich waren wir in Gegenden, in denen normale Touristen nicht unbedingt sofort als Erstes hingehen sollten. Aber diese Vorstellung, Afrika sei ein rechtloser Kontinent, wo einem permanent die Brieftasche geklaut wird – oder Schlimmeres – das stimmt so nicht. In vielen afrikanischen Ländern können Touristen bedenkenlos reisen. Es gelten ein paar simple Verhaltensregeln, die aber überall auf der Welt greifen. Beispielsweise nicht betrunken nachts durch dunkle Innenstädte streifen. Aber im Großen und Ganzen ist diese Angst vor Afrika gnadenlos übertrieben.

Nun sollte das Buch positive Beispiele von Unternehmerpersönlichkeiten in Afrika zeigen. Sicherlich habt ihr aber auch viel Negatives gesehen. Habt ihr das eher außen vor gelassen, damit das Buch funktioniert?

Sicherlich haben wir uns auf Erfolgsgeschichten konzentriert. Das bedeutet jedoch nicht, dass kein Misserfolg darin vorkommt. Auch in den Storys, die es ins Buch geschafft haben, geht es ganz viel ums Scheitern, um Dinge, die nicht funktionieren. Sei es durch Korruption, Probleme mit der Infrastruktur oder mangelhafte politische Systeme. Darüber hinaus haben wir schon bewusst geschaut, dass wir die Menschen vorstellen, die es geschafft haben, innovative Lösungen für ihre Probleme zu finden. Das fanden wir interessanter, als zu erzählen, was alles nicht funktioniert. Wir haben den Kontinent nicht nur als Problemkontinent kennengelernt, sondern wollten die andere Seite zeigen, die es auch gibt.

Scheitern ist auch kein allein afrikanisches Problem. Es gibt Zahlen, nach denen 95 Prozent von Neugründungen in Deutschland scheitern…

Erfolg ist also eher eine Ausnahme. Das ist übrigens ein ganz interessanter Punkt, denn auch hier würde man ja eher über die fünf Prozent schreiben, die es geschafft haben – und vermutlich würde niemand einem vorwerfen, man würde ein verzerrtes Bild zeichnen. Aber Erfolg ist im Zusammenhang mit afrikanischen Ländern aus europäischer Sicht ein skurriles Narrativ. Weil wir es gewöhnt sind, nur auf das Schlechte zu schauen: Scheitern, Korruption, Armut, Krieg, Hunger, Elend. Auf Erfolg zu blicken, kann aber durchaus konstruktiv sein. Wobei es fast egal ist, wie Journalisten das tun, denn es gibt immer Leute, die damit nicht einverstanden sind. Beispielsweise haben wir für den Spiegel eine Geschichte über Kinder-Prostitution in Ghana geschrieben. Dabei hat uns jemand vorgeworfen, wir hätten vergessen, zu erwähnen, dass in Ghana das Internet ganz wunderbar funktioniert. Das weiß ich auch. Ich habe ja dort gelebt. Aber das Internet hat in dieser Geschichte nichts zu suchen. Umgekehrt ist es genauso. Du schreibst etwas Gutes über Afrika, über Innovation. Dann kommt sofort der Einwand, du hättest vergessen, über den Bürgerkrieg in dem Land zu schreiben. Die Leute wollen nicht verstehen, dass du nicht alle wissenswerten Aspekte in einem Artikel unterbringen kannst und dich auf die für die Story wesentliche Aussagen beschränken musst.

Innovation in Afrika zu zeigen, war euer Anliegen. Was hat euch am meisten überrascht?

Die Gleichzeitigkeit, mit der Dinge passieren, hat uns beeindruckt. Auf dem Land herrschen zum Teil technologische und strukturelle Zustände wie vor Hunderten von Jahren, während du in vielen Städten Sushi bestellst und dein Taxi per App rufen kannst. In Addis Abeba bauen sie Hochhäuser, aber der Zement für die Baustellen kommt auf dem Rücken von Eseln. Selbst in Deutschland ist es noch relativ neu, mit dem Smartphone zu bezahlen. In Afrika kannst du damit die Zwiebeln am Straßenrand kaufen.

Ihr schreibt, wo Regierungen in Afrika versagen, müssen Individuen den Mangel ausgleichen. Das könnte man auch über Europa sagen. Gibt es etwas, dass wir von Afrika lernen können?

Um diese ewige Logik, dass der Markt alles regeln wird – darum geht es in Afrika gar nicht. Was Menschen in afrikanischen Ländern verstanden haben, ist, dass sie vieles selbst in die Hand nehmen müssen, was der Staat nicht regeln kann. Sie sind bereit, über ihren eigenen kleinen Kosmos hinaus, Verantwortung zu übernehmen. Das ist ein Unternehmergeist, den wir uns sicherlich abschauen können. Dieses Mindset muss früher in Deutschland auch geherrscht haben, als nach dem Krieg alles kaputt war. Dieser Unternehmergeist ist so ein bisschen verloren gegangen. Viele warten darauf, dass irgendwer die Dinge schon in die Hand nehmen wird. Was wir uns auch von den Afrikanern abschauen können, ist diese gewisse Improvisationsfreude, die zu jedem Start dazugehört – ein Produkt immer wieder neu anzuschauen, ob es nicht anders besser funktionieren könnte. Auch die Akzeptanz des Scheiterns und Resilienz können wir lernen. In Deutschland ist Scheitern absolut Pfui. Wenn etwas gegen die Wand gefahren wird, sehen wir das nicht so gerne. Doch der Großteil der Erfolgreichen, mit denen wir uns in Afrika unterhalten haben, hatten vorher schon eine ganze Menge Ideen, die nicht funktioniert haben. Erst beim dritten oder vierten Anlauf klappt es dann.

China investiert in letzter Zeit massiv in Afrika. In Europa ist die Politik etwas vorsichtiger geworden, will sich nicht mehr zu sehr von einem Land abhängig machen. Ist Chinas Engagement gut für den afrikanischen Kontinent?

Das müssen wir aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten. Sicherlich verfolgen die Chinesen in Afrika ihre eigenen Interessen. Das ist keine Entwicklungshilfe. Sie sind wegen der Rohstoffe dort. Aber wir haben mit Afrikaner:innen gesprochen, und zwar nicht mit Regierungseliten, die von den Deals mit China profitieren, und dabei erfahren, dass die Bevölkerung ganz froh über das chinesische Engagement ist. Sie freuen sich, dass jemand nun endlich die Brücke baut und andere Infrastrukturprojekte wie Autobahnen vorantreibt. Wenn es sonst niemand macht, dann ist das zunächst etwas Positives. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite sind diese Verträge, die China mit den Afrikanern schließen, oft sehr einseitig. Am Ende investiert China nicht in die Kommunen, sie bringen sogar ihre eigenen Arbeiter mit. Die Zahl an Arbeitsplätzen, die vor Ort neu entstehen, ist geringer als gedacht. Wir zeigen immer auf China, auf den Systemrivalen. Was wir in jedem Fall machen sollten, wäre ein Gegenangebot.

Wie könnte dieses Angebot konkret aussehen?

Die Botschaft ist bei der Bundesregierung inzwischen angekommen. Wirtschaftsminister Habeck war in Namibia, um eine große Energiepartnerschaft abzuschließen. Plötzlich entwickeln sich Dinge, die wir uns nie hätten vorstellen können. Das ist sehr spannend.

Paul und Sophia, vielen Dank für das Gespräch!


Fotocredits: Chiara Wettmann

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