Interkulturelle Kompetenz: Von anderen Kulturen lernen

Ethnozentrismus ist das Wort für eine Einstellung, die nicht besonders clever ist. Nämlich, wenn wir uns und unsere Kultur für das Maß aller Dinge halten – und denken, alle anderen sollten sich an uns ein Beispiel nehmen. In Gänze können wir uns von diesem Gefühl einer gewissen Überlegenheit nicht frei machen, erklärt Professorin Dr. Gundula Gwenn Hiller, Expertin für Interkulturelle Kompetenz. Denn so ist unser Gehirn strukturiert.

Was wir von anderen Kulturen lernen können

Stereotype über andere Länder und deren Menschen in uns zu tragen – das ist fast unvermeidlich. Wichtig ist es aber, sich nicht von den Klischees in unseren Köpfen einlullen zu lassen. Wir gewinnen ganz viel, wenn wir offen gegenüber anderen Kulturen sind und verinnerlichen, dass wir viel von ihnen lernen können. Gestern hat Gwenn ihr neues Buch „Was wir von anderen Kulturen lernen können“ bei unserem dritten Read & Meet auf Zoom vorgestellt.

Gwenn, du beschäftigst dich mit interkultureller Kompetenz. Was sind denn die wichtigsten Aspekte anderer Kulturen, von denen wir lernen können?

Ich gehe immer erst einmal von dem aus, was wir Deutschen gut können – und was wir nicht so gut können in Bezug auf unsere Alltagsgestaltung, unsere längerfristige Lebensplanung sowie darauf, wie wir miteinander kommunizieren, wie wir unsere Beziehungen und Themen wie Gesundheit und Nachhaltigkeit gestalten. Aber bleiben wir zunächst bei den alltäglichen Dingen und der Frage, wie wir durch die Welt gehen. Was wir von anderen Kulturen lernen können, ist Gelassenheit, ein bisschen spontaner im Moment leben und generell unverkrampfter an Probleme herangehen. Wir könnten mit mehr Leichtigkeit in die Arbeit gehen, die mit Pflicht behafteten Dinge unseres Lebens ein bisschen auf eine leichtere Schulter nehmen.

Wie können wir unser Verständnis für andere Kulturen und deren Sichtweisen verbessern?

Ich sage immer: Reisen bildet. Es ist einfach immer wieder bereichernd, neue Länder zu erkunden. Wobei ich damit keine Pauschalreisen und vorgefertigte Packages meine, bei denen alles durchorganisiert ist. Ich meine das Reisen, um andere Kulturen kennenzulernen, mit Menschen aus anderen Kulturen in Berührung zu kommen und mit ihnen Gedanken auszutauschen. Natürlich ist Sprachenlernen auch ein wichtiger Aspekt. Je besser ich mich in Fremdsprachen unterhalten kann, desto größer ist die Chance, mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen.

Außerdem sind Auslandsaufenthalte während des Studiums wertvoll. Wir können aber auch in der eigenen Stadt, am eigenen Wohnort, den Kontakt mit Menschen suchen, die zugewandert sind und zu Veranstaltungen gehen. Studierende können zuhause den Kontakt zu internationalen Studierenden suchen. Eine andere Möglichkeit wäre, auch im eigenen Arbeitsumfeld zu schauen, woher die Menschen kommen und den Kontakt mit ihnen aufzunehmen. Zudem können wir interkulturelle Trainings besuchen, um mehr Verständnis für andere Kulturen, Werte und Verhaltensweisen zu bekommen.

Inwiefern können denn die Werte und Traditionen anderer Kulturen unser Verständnis für unsere eigenen Werte und Traditionen beeinflussen?

Die Basis dafür sind Offenheit und Neugier. Nur dann habe ich überhaupt Lust oder Motivation, mich mit anderen Werten, Verhaltensweisen oder Weltanschauungen auseinanderzusetzen. Es gibt so ein Fachwort, das heißt Ethnozentrismus. Wenn ich überzeugt bin, dass meine Kultur die beste ist, dann ist da nicht viel zu machen. Leider steigt zurzeit wieder in ganz vielen Kulturen dieser Ethnozentrismus. Wenn ich aber erkenne, dass ein Blick über den eigenen Tellerrand hinaus wertvoll sein kann und ich Interesse daran habe, meinen eigenen Horizont zu öffnen, bin ich bereit, mir andere Dinge anzuschauen und vielleicht sogar zu übernehmen. Vielleicht lerne ich beim Reisen Menschen kennen, mit denen ich mich gut verstehe und merke, die haben in manchen Punkten eine ganz andere Herangehensweise. Das könnte mich inspirieren und mich dafür öffnen, diese zu übernehmen.

Prof. Dr. Gundula Gwenn Hiller

Prof. Dr. Gundula Gwenn Hiller

Prof. Dr. Gundula Gwenn Hiller lehrt Interkulturelle Kompetenz und Migration an der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit in Mannheim. Sie hat 50 Länder bereist und in fünf Ländern gelebt. Nach dem Studium der Germanistik und Romanistik in Freiburg sammelte sie erste Berufserfahrungen in der Wirtschaft und in einem internationalen Forschungsinstitut. Später promovierte Gwenn in Kulturwissenschaften an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), wo sie zuletzt als Direktorin des Zentrums für Interkulturelles Lernen wirkte. Sie spricht Englisch, Französisch, Italienisch und Polnisch.

Wie hilft die interkulturelle Kompetenz, mich für andere Kulturen zu öffnen?

Interkulturelle Kompetenz findet auf drei Ebenen statt. Wir müssen uns eine Person vorstellen, bei der ich den Kopf, das Herz und die Arme markieren würde. Der Kopf steht für Wissen über andere Kulturen und kulturelle Unterschiede. Das Herz ist die Haltung, dass andere Dinge auch gut und spannend sein können, also dieses Gegenstück von Ethnozentrismus. Die Arme, die Hände repräsentierten die Handlungsebene, die interkulturelle Handlungskompetenz. Das fängt an bei Sprachkenntnissen und geht über kommunikative Fähigkeiten. Wenn zwei Personen, die nicht dieselbe Sprache sprechen, sich trotzdem irgendwie verständigen und eine gute Beziehung herstellen können – das ist die Kompetenz, die wir unter interkultureller Handlungskompetenz zusammenfassen.

Welche weiteren Schritte können wir unternehmen, um unser Verhältnis für andere Kulturen und ihre Art zu leben zu vertiefen?

Außer dem Reisen empfehle ich auch ausländische (also nicht amerikanische) Filme anzuschauen. Zum Beispiel gibt es auf Netflix Filme aus afrikanischen Ländern oder dem Iran. So kann ich mich aus meiner Bubble hinausbewegen, aus der europäischen Bubble oder der Westlichen-Welt-Bubble. Auch wer Literatur aus diesen Ländern liest, lernt ganz viel über andere Kulturen. Ende April ist wieder der Ramadan vorbei, der Fastenmonat der Muslime. Dann ergeben sich vielleicht auch Möglichkeiten, etwas Einblick zu bekommen, wie die Leute feiern. Ich habe zwei Jahre in Südfrankreich gearbeitet. Als ich in Marseille unterwegs war, fand dort gerade das Hammelfest statt. Das haben die Leute auf der Straße gefeiert, dort ihr Fleisch gegrillt. Sie haben uns eingeladen, eine Freundin und mich, und wir haben uns darauf eingelassen. Das war ein interessanter Nachmittag und Abend. Apropos, viele staunen immer darüber, dass andere Völker viel gastfreundlicher sind als die Deutschen.

Wie vermeiden wir denn, in stereotype Denkmuster zu verfallen, wenn wir uns mit anderen Kulturen auseinandersetzen?

Das lässt sich nicht vermeiden. Unser Gehirn ist so strukturiert, dass wir kognitive Referenzpunkte brauchen, um die Welt zu verstehen und einzuordnen. Aber wichtig ist es, sich der Stereotype bewusst zu sein. Wenn Kursteilnehmende zu mir sagen, sie hätten keine Stereotypen, dann glaube ich das nicht. Aber wenn ich mir bewusst bin, ich habe meine Klischeevorstellungen und hinterfrage die auch immer wieder, dann bin ich bereit, die vorhandenen Vorstellungen über andere Kulturen zu erweitern oder zu differenzieren. Ich lese momentan wieder einen interkulturellen Klassiker von Stella Ting-Toomey. Sie schreibt von einem achtsamen Umgang mit Stereotypen. Das bedeutet, mir meiner Vorurteile bewusst zu sein, sie mir einzugestehen, und eventuell sogar transparent zu machen.

Genau das ist der Punkt, wie ich finde. Wie können wir uns vorurteilsfrei und respektvoll gegenüber anderen Kulturen verhalten, auch wenn wir ihre Werte und Sitten nicht immer verstehen?

Ich arbeite sehr viel mit Fallbeispielen. Ein Beispiel davon ist auch klassisch: Es heißt „Das Geschenk“. Ein libanesischer Student kommt zu seinem Professor in die Sprechstunde. Er bringt seinem Professor einen prächtigen Bildband über sein Heimatland als Geschenk mit. Der Professor sagt, dass er das nicht annehmen kann: „Vielen Dank, aber leider müssen Sie das Geschenk wieder mitnehmen.“ Die Frage ist, wie gehen wir mit so etwas um, ohne dass die andere Person, in dem Fall der Student aus dem Libanon, das Gesicht verliert? Es gibt andere Möglichkeiten, als das Geschenk komplett zu verweigern. In einem interkulturellen Training würde ich mit den Teilnehmenden durchgehen, was könnte ich denn machen, dass es für beide eine Lösung ohne Gesichtsverlust gibt – und ohne sich schlecht zu fühlen.

Wie können wir denn sicherstellen, dass wir nicht die kulturelle Identität anderer verletzen – wie in dem von dir geschilderten Beispiel?

Das können wir nicht sicherstellen. Es gibt Situationen, in denen ich nicht von meinen Prinzipien abweichen kann oder möchte. Wenn sie zu sehr mit meinem eigenen Wertesystem kollidieren, kann ich noch so sehr kulturell kompetent sein, aber ich kann ja auch nicht über meine eigenen Bedürfnisse komplett hinweggehen. Es ist alles sehr, sehr komplex. Es kommt auch immer auf den Kontext an und die Hierarchie zwischen den Interaktionspartner:innen. In dem Falle zwischen dem Studenten und seinem Professor hat der Professor die Macht. Er ist hierarchisch höhergestellt und kann somit verfügen, wie er in der Situation damit umgeht. Wir können uns nicht immer komplett auf andere einstellen, aber wenn beide Seiten ein Stück aufeinander zugehen und auch Transparenz herrscht, macht das einen Unterschied. Wenn der Professor freundlich erklärt, warum er das Buch nicht annehmen kann, das Buch aber trotzdem lobt und den Studierenden lobt, dann kommt auch eine Zurückweisung schon ganz anders rüber.

Gwenn, vielen Dank für das Gespräch!

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