Yasmin Weiß ist BWL-Professorin und beschäftigt sich mit der Bedeutung von Bildung im schnelllebigen, technologiegetriebenen 21. Jahrhundert. Veränderung findet heute in einer Geschwindigkeit und Intensität statt, auf die die Schulen nur unzureichend reagieren können. Wir brauchen eine digitale Alphabetisierung der Gesellschaft, fordert die mehrfache Aufsichtsrätin und Mutter. Die sollte am besten schon im Grundschulalter beginnen, denn dort sind die Kinder noch nicht nach Leistung getrennt. Nicht nur der Nachwuchs aus bildungsaffinen Familien sollte für die digitale Zukunft fit gemacht werden – sondern alle.

Bildung ist dir ein wichtiges Anliegen. Daher meine Frage: Was hast du zuletzt gelernt?

Ich hatte heute ein ganz tolles Gespräch mit Christian Temath, dem Geschäftsführer von KI.NRW am Fraunhofer Institut. KI.NRW will den Transfer von KI aus der Spitzenforschung in die Wirtschaft beschleunigen und eine ethische, verantwortungsvolle KI schaffen, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Ich forsche darüber, wie Künstliche Intelligenz die Arbeitswelt revolutioniert. Ich bin vornehmlich der Typ Soziales Lernen. Am besten lerne ich im Dialog mit anderen Menschen, mit Experten, die aus einem Fachgebiet kommen, von dem ich viel lernen kann. Ich tausche mich regelmäßig mit KI-Experten aus. Ganz lange wurde Grundlagenforschung betrieben und nun irgendwann kommt dieser Wendepunkt, an dem auf einmal die Entwicklung rasant an Fahrt aufnimmt. In der KI wird dieser Wendepunkt das Jahr 2023 sein.

Dein neues Sachbuch trägt den Titel „Weltbeste Bildung“ – ein markiger Begriff. Worum geht‘s?

Ich möchte Transparenz darüber schaffen, was Bildung in diesem schnelllebigen, digital-vernetzten 21. Jahrhundert bedeutet, das unheimlich Technologie-getrieben ist und das ganz viel Veränderungsgeschwindigkeit und Veränderungsintensität mit sich bringt. Krisen und Transformation sind nicht der Ausnahmezustand, sondern ein Dauerzustand. Was bedeutet es überhaupt noch, in dieser Zeit gebildet zu sein? Welche Kompetenzen brauchen wir und welche innere Haltung, um in dieser Welt nicht nur zu überleben, sondern uns auch wohl zu fühlen und mitgestalten zu können? Was kommt, was geht und was bleibt – gerade im Bereich der Digitalkompetenz? Wir haben noch viel zu viele blinde Flecken oder Unsicherheit in der Breite der Bevölkerung und wir brauchen eine digitale Alphabetisierung der Gesellschaft. Ich möchte mit meinem Buch aber auch eine Antwort darauf geben, wie wir konkret dem Ziel von weltbester Bildung näherkommen können. Das Buch appelliert sehr stark an die Eigenverantwortung von jedem einzelnen Menschen. Was können wir selbst tun, damit wir uns am Puls der Zeit bewegen, damit wir gebildet sind, damit wir insbesondere digital gebildet sind.

Was hat dich zu dem Buch inspiriert?

Ich bin karrieretechnisch mehrgleisig aufgestellt. Einerseits bin ich als Professorin Teil des Bildungssystems, habe aber auch diverse Aufsichtsratsmandate in der Wirtschaft inne. Das heißt, ich bin branchenübergreifend im oberen Management von verschiedenen Unternehmen, die derzeit sehr stark Zukunft verändern. Ich finde, dass diejenigen, die die Zukunft verändern, diese Veränderung anderen auch erklären müssen. Denn es verändern sich mit neuen Technologien sowohl Geschäftsmodelle als auch -prozesse und damit die Anforderungsprofile, für die wir ausbilden müssen. Auf der anderen Seite bin ich auch noch Mutter von zwei kleinen Kindern und überlege mir tagtäglich: Was kann ich ihnen mit auf den Weg geben, damit sie auf die Welt von morgen, die so stark veränderlich ist, gut vorbereitet sind?

Mehr zu Yasmin Weiß

Yasmin Weiß ist BWL-Professorin, Start-up-Gründerin und mehrfache Aufsichtsrätin. Sie ist Expertin für digitale Bildung und die Arbeitswelt der Zukunft und analysiert, welche Kompetenzen in Zukunft benötigt werden, um die digitale Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft voranzutreiben. Ihre Gedanken hat sie in ihrem Sachbuch „Weltbeste Bildung – Wie wir unsere digitale Zukunft sichern“ (Campus Verlag) niedergeschrieben. Yasmin lebt mit ihrer Familie in München. Ihre Freizeit verbringt sie am liebsten mit Familie und Freunden in den Bergen, geht schwimmen – und bleibt ganz bewusst offline.

Wenn man selbst Kinder hat, merkt man erst, wie wenig sich Schule in den letzten 40 Jahren verändert hat, oder?

Dazu erzähle ich immer gern eine Anekdote, weil sie den Blick dafür öffnet, wo wir gerade stehen. Mein Opa, ein Münchner Chirurg, wäre im vergangenen Jahr 100 Jahre alt geworden. Er ist jedoch vor 15 Jahren gestorben. Ich stelle mir häufig die Frage, wie wäre es, wenn wir noch einmal gemeinsam einen Tag zusammen verbringen könnten. Ich würde ihn mit dem Auto abholen und er könnte sehen, wie es voll autonom ein- und ausparkt und ich die Hände dabei gar nicht mehr am Steuer habe. Dann würde ich ihn ein einen Apple Store fahren, in dem wir uns die ganzen digital-vernetzten Devices ansehen würden, die inzwischen Einzug gehalten haben, und wie ich damit meinen vollgepackten Alltag steuere. Dass ich mit meinem IPhone Musik höre, mir den Weg zeigen lasse, dass mich mein Kalender an Termine erinnert, ich schriftlich und mündlich damit kommunizieren kann – und auch damit bezahle. Anschließend würde ich ihn zu mir nach Hause nehmen, wo mein Küchenroboter seinen Lieblingskuchen bäckt. Wir würden an seiner alten Arztpraxis vorbeifahren, wo ein Roboter seinem Nachfolger bei einer Operation assistiert. Wenn er mich dann fragen würde, ob es noch irgendetwas gibt, das so aussieht, wie er es kannte, würde ich ihn zur Grundschule meiner Tochter mitnehmen. Wir haben dort immer noch Frontalbestuhlung und Kreidetafeln, eine Ausstattung, die exakt so ist wie vor fast 40 Jahren, als ich zur Schule gegangen bin. Ich glaube, das zeigt den Handlungsbedarf.

Inwiefern würdest du dir die Schulen anders wünschen?

Wir müssen so ausbilden, wie wir auch arbeiten werden. Schon jetzt arbeiten wir interdisziplinär. Wir arbeiten international. Wir arbeiten hybrid und haben ganz viel Kommunikation im virtuellen Raum. Schon jetzt arbeiten wir mit viel Technologie zusammenund unsere Schüler:innen sitzen vielerorts in Klassenzimmern ohne WLAN, mit FrontalBestuhlung und Kreidetafeln! Irgendetwas stimmt da nicht. Es ist gerade eine Studie veröffentlicht worden, die ausgerechnet hat, dass wir jeden Euro, den wir in die frühkindliche Bildung investieren, mit dem Faktor 13 zurückbekommen. Jeder Euro, durch den das Kind besser ausgebildet wird, kommt mit einem 13-fachen Return on Investment zurück. Ich frage mich, worauf warten wir? Wir waren zu träge, zu behäbig. Wir haben die fetten wirtschaftlichen Jahre, die wir in Deutschland hatten, nicht genutzt. Zwischen dem Ende der Finanzkrise und dem Beginn der Pandemie – das waren die stabilsten und stärksten Jahre, die wir je hatten. Wir haben diese Zeit nicht genutzt, um uns einmal zu überlegen, wie können wir uns zukunftsfest aufstellen, insbesondere auch unser Bildungssystem, um die Grundlage für unseren zukünftigen Wohlstand zu schaffen.

Kreativität und Empathie kann uns die KI nur bedingt abnehmen

Wie muss sich Schule verändern, um zukunftsfähige Menschen hervorzubringen?

Schulen brauchen aus meiner Sicht mehr Freiheit, um Wirtschaft und Gesellschaft in die Ausbildung der jungen Leute zu integrieren. Ich plädiere auch in meinem Buch „Weltbeste Bildung“ für ein Ökosystem des lebenslangen Lernens. Um es einmal ganz konkret zu machen: Die Schulen könnten sich auf freiwilliger Basis einen Beirat schaffen mit Vertretern aus anderen Gruppen, die wir brauchen. Mit einer Person aus der Kommunalpolitik, denn die müssen die Rahmenbedingungen, teilweise auch Gelder, zur Verfügung stellen. Mit Personen aus der Wirtschaft, die Anforderungsveränderungen transparent machen. Was sind die zukünftigen Aufgaben, für die wir die Schüler:innen heute ausbilden müssen? Gleichzeitig können die Wirtschaftsvertreter auch Know-how und Ressourcen zur Verfügung stellen. Das Technologieunternehmen Cisco beispielsweise bietet seinen Mitarbeitern zehn bezahlte Arbeitstage pro Jahr für Corporate-Social-Responsbility-Aktivitäten. Auch andere Unternehmen machen das. Damit könnten Mitarbeiter in die Schulklassen kommen und lebendige Lehre machen: Zum Beispiel wie mit Einsatz künstlicher Intelligenz Lieferketten nachhaltiger gemacht werden könnten. Solche praktischen Use Cases könnten Schüler:innen anregen, sich mit neuen Technologien intensiver auseinandersetzen zu wollen. Ich würde mir für einen solchen Schulbeirat auch wünschen, dass zudem gesellschaftliche Initiativen vertreten sind. Dann können wir gemeinsam überlegen, wie wir die Schulleitung unterstützen können, damit die Kinder das lernen, was sie für die Gegenwart und für die Zukunft brauchen.

Wie könnten Zusatzangebote konkret im Schulalltag aussehen?

Das Fraunhofer Institut hat der Grundschule meiner Tochter angeboten, auf Basis der „Open Roberta“-Plattform des Fraunhofer Instituts Programmierroboter auf eigene Kosten zur Verfügung zu stellen. Das Personal vom Institut hat ein eigens für Grundschulen ausgearbeitetes Konzept und würde den Lehrern zeigen, wie sie die Roboter einsetzen können, damit Kinder die Grundzüge des Programmierens spielerisch lernen. Grundschulen sind der einzige Schultyp, der Kinder noch nicht nach Leistungspotenzial trennt und wo alle gesellschaftlichen Schichten vertreten sind. Wenn wir es nicht schaffen, allen Kinder Zugang zu etwas zu vermitteln, das sie später sowieso brauchen, schaffen wir eine digitale Schere schon im Grundschulalter – noch bevor die Entscheidung fällt, wer zur Realschule und wer zum Gymnasium gehen wird. Ich habe meine Studentinnen, die Informatik studieren, gefragt, was für sie der entscheidende Punkt für ihre Wahl des Studienfachs war. Sie alle sind sehr früh mit diesen Programmierrobotern oder frühen Förderangeboten zum Programmieren zusammengebracht worden. Meist durch ihre Eltern, womit Kinder aus bildungsaffinen Haushalten einen klaren Vorteil haben.

Ein wichtiger Aspekt: Was können Eltern und Familien tun, um ihre Kinder fit für die Zukunft zu machen?

Gestern hatte ich ein Gespräch über Soziales Lernen mit einer der führenden deutschen BlockchainExpertinnen. Sie sagt, das Wichtigste, was wir unseren Kindern mitgeben können, ist nicht, dass sie im Alter von sechs Jahren Blockchain verstehen müssen. Das lernen sie später, wenn wir die Grundlagen dazu schaffen. Das Wichtigste, das wir unseren Kindern mitgeben können, ist dieses: Warum muss ich keine Angst vor der Zukunft haben? Wie laufe ich sicher in etwas hinein, das anders aussehen wird als wir es heute kennen? Familien müssen ein ganz klares Wertesystem vermitteln, Werte wirklich als Orientierungskompass für eine Welt begreifen, die ansonsten wenig Orientierung bietet. Freude am Lernen zu vermitteln, ist wichtig. Ein dynamisches Selbstbild von sich zu entwickelt: „Das kann ich heute noch nicht, aber ich kann es mir aneignen. Diese Neugierde auf forschendes Lernen, das Lernen zu lernen, eine selbstbewusste Haltung zu entwickeln. Beherzt JA zu großen Chancen zu sagen, aber genauso entschieden NEIN zu den Verlockungen, die immer größer werden. Ein Beispiel wäre TikTok: Der Algorithmus dahinter ist ja darauf programmiert, dass die jungen Leute in dieser Aufmerksamkeitsökonomie, in der wir uns bewegen, möglichst süchtig werden nach Inhalten und möglichst viel Zeit auf der Plattformen verbringen. Das ist ja das Geschäftsmodell dieser vermeintlich kostenlosen Apps. Die Frage ist, wie entwickeln die Kinder eine selbstbewusste Grundhaltung, solche Mechanismen zu erkennen und im Zweifelsfall sich diesem PeerDruck entgegenzustellen? Wie können sie lernen, zu sagen: Ihr seid alle auf TikTok – und ich bin es nicht.

 Yasmin, vielen Dank für das Gespräch!