ChatGPT verfügt über eine sehr gepflegte Sprache

In Diskussionen über den deutschen Fachkräftemangel gilt Künstliche Intelligenz immer ein bisschen als Allzweckwaffe der Zukunft. Oder zumindest als ein Silberstreif am Horizont. Der neueste Hype, der seit Wochen durch die Medien geistert, ist das KI-Sprachprogramm ChatGPT von OpenAI. Inwiefern kann uns ChatGPT Arbeit abnehmen, so dass wir viel mehr Output in unserer Arbeitszeit schaffen? Darauf gibt es keine pauschale Antwort. Lehrenden an Hochschulen hat sich ChatGPT bereits als große Hilfe erwiesen. Aber auch als Herausforderung, denn Studierende werden sich ebenfalls der neuen Technologie bedienen. Das ist völlig legitim, solange zwischen Eigenleistung und dem Wissen durch KI sauber getrennt wird.

Jana Koehler/ KI-Expertin und Professorin

Die Meinungen über ChatGPT sind sehr gemischt. Jana, du bist KI-Expertin und hast ChatGPT bereits getestet. Wird das Tool deine Arbeit an der Uni erleichtern?

Das ist wirklich ein großes Thema an Hochschulen. Für mich selbst sind KI-Tools auf jeden Fall bereits seit einiger Zeit eine gute Unterstützung für meine Arbeit. Wir müssen aber auch darauf vorbereitet sein, dass Studierende ChatGPT als Hilfsmittel einsetzen wollen, um Prüfungen zu meistern oder Hausarbeiten zu schreiben. In einer Prüfung ist die Situation aber eine andere, denn ich will ja nicht beurteilen, was ChatGPT kann, sondern was die Studierenden können. Daher werden wir unsere Prüfungen so gestalten müssen, dass ihre Eigenleistung immer noch klar erkennbar ist und zum Beispiel KI keine große Hilfe ist, um eine Frage zu beantworten. Allerdings können wir auch erkennen, wenn Studierende unerlaubte Hilfsmittel wie ChatGPT benutzen, um Prüfungsaufgaben zu lösen.

Woran würdest du das erkennen?

ChatGPT hat einen sehr gepflegten Schreibstil. So können viele Studierende nicht formulieren und das kann ein Hinweis sein. Sowohl in Englisch als auch in Deutsch ist die Sprache von ChatGPT auf einem sehr hohen Niveau. Wir haben das getestet und dort unsere Prüfungsfragen eingegeben, um zu sehen, was das Programm als Antwort vorschlägt. Schon vorher haben wir angefangen, Prüfungsfragen umzustellen und sie anspruchsvoller zu formulieren. In der Taxonomie von Bloom heißt das, wir gehen weg von Wissen und Verstehen und hin zum Anwenden, Analysieren und Beurteilen. Die Antworten für diese Art von Fragen können Studierende auch nicht durch Google herausfinden. Dort kommt alles Mögliche, aber nichts, das wirklich weiterhilft. Es würde viel zu lange dauern. Außerdem haben wir unsere Tools, um Plagiate zu identifizieren. Es gibt bereits KI-Systeme, die den Einsatz von KI prüfen – mit dem möglichen Ergebnis: Ja, der Text kommt mit 95% Wahrscheinlichkeit NICHT von den Studierenden. Das könnte dann als Betrugsversuch gewertet werden. Allerdings wäre diese Aussage juristisch gar nicht zugelassen, sollten Betroffene den Rechtsweg beschreiten. Daher ist es am besten, die Fragen anders zu stellen – oder einfach den Internetzugang bei der Prüfung abzuschalten.

Was ist ChatGPT?
ChatGPT ist ein KI-Chatbot, der menschliche Texteingaben verstehen und darauf reagieren kann. Der Bot beantwortet Fragen, schreibt Gedichte, verfasst Posts für LinkedIn und andere Socials, kann Codezeilen ausgeben, Texte zusammenfassen und, und, und. Dabei geht das Tool auch auf Folgefragen ein und versucht zusammenhängend zu antworten. Wer in der ersten Eingabe etwa Günter und Inge erwähnt, kann sie beim nächsten Mal mit „die beiden“ zusammenfassen, ohne dass es das Programm verwirren würde.

Was hältst du denn von ChatGPT in der jetzigen Form?

Ich finde es sehr beeindruckend. ChatGPT ist aus meiner Sicht bereits unglaublich gut. Es kann sowohl Englisch sehr gut als auch Deutsch. Andere Sprachen habe ich noch nicht getestet. Der Schreibstil ist sehr, sehr gut. Früher hat die KI zuweilen komische Sätze fabriziert. Diese Zeiten sind vorbei. Die thematische Breite der abgedeckten Themen ist auch einmalig. Das haben wir so noch nie gesehen. Ein Kollege hat es eingesetzt und damit Übungsanleitungen für die Bildverarbeitung in der Robotik erstellt – und die sehen sehr gut aus. Man muss genau hinschauen. Manchmal ist auch Unsinn dabei. Aber ChatGPT kann ja sogar programmieren. Es kommt korrekter Code heraus und eine Erklärung, die auch richtig sein kann. Allerdings muss der Mensch beurteilen, ob das wirklich alles stimmt. Wir sehen auch Antworten, die kompletter Unsinn sind, aber gut klingen. Diese Möglichkeiten sparen natürlich viel Arbeitszeit. Wir können KI einsetzen, um bessere und detailliertere Lehrmaterialien zu erstellen.

Hat ChatGPT das wirklich selbst programmiert oder den Code aus dem Internet kopiert?

Das kann ich nicht genau beurteilen, aber ich denke eher, dass ChatGPT das musterbasiert, selbständig neu zusammengestellt hat. Der Programm-Code ist in das System eingegangen, es wurde damit gefüttert, sonst könnte es das System nicht. Wie das genau beim Programmieren funktioniert, darüber habe ich keine Informationen.

Prof. Dr. Jana Koehler ist Informatik-Professorin an der Hochschule Luzern. Die Expertin für Künstliche Intelligenz und Software-Architektur hat nicht nur in Deutschland und der Schweiz an Universitäten gelehrt und geforscht. Auch hat sie in der Wirtschaft gearbeitet und dort ihre Entwicklungen praktisch anwenden können. Ihre Publikationen auf den Gebieten Künstliche Intelligenz und Geschäftsprozessmanagement wurden mehrfach mit Forschungspreisen ausgezeichnet. In ihrer Freizeit segelt die 59-Jährige und hat sich zur Segellehrerin ausbilden lassen.

Wie setzt du denn KI und Sprachtechnologie in deinem beruflichen Alltag ein?

Ich nutze das seit zwei Jahren sehr intensiv. Beispielsweise lasse ich mir meine eigenen Gutachten vorlesen. Dann merke ich, wo es noch hakt, was ich noch nicht gut formuliert habe. Ein anderes Beispiel: Wir haben für KI-Campus.org KI-Grundlagenkurse erstellt, die auf meinen Vorlesungen in Englisch an der Universität Saarbrücken basieren. Die Folien und der Text waren auf Englisch. Das haben wir automatisch mit KI auf Deutsch übersetzen und untertiteln lassen. Dabei habe ich manchmal bemerkt, dass, wenn die deutsche Übersetzung nicht gut war, es daran lag, dass zuvor der englische Text nicht gut formuliert war. Das ist sehr interessant und hilft bei der Qualitätssicherung.

Wenn du einen Wunsch frei hättest, was wäre denn dein dringendstes Anliegen in Hinblick auf KI? Wozu sollte sie fähig sein – innerhalb unserer verbleibenden Lebenszeit?

Ich wünsche mir, dass es keinen massiven Einsatz von KI im Militärbereich geben muss. Ich möchte, dass KI viele sinnvolle Anwendungen erfährt, die für uns das Leben besser machen und uns helfen, Herausforderungen wie den Klimawandel zu bewältigen. Das sind für mich die beiden wichtigsten Aspekte.

Jana, vielen Dank für das Gespräch!

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