Demografie und Fachkräftemangel: Neue Wege gehen

Seit wir denken können, wächst die Zahl der Weltbevölkerung stetig. Einige von uns können sich noch daran erinnern, wie 1987 die Marke von fünf Milliarden Einwohnern überschritten wurde. Im November 2022 kam der acht Milliardste Mensch zur Welt. Damit hat sich die Weltbevölkerung seit 1950 verdreifacht. Nun dreht sich der Trend langsam um. In Deutschland sind wir schon mittendrin in dieser Entwicklung: Die Bevölkerung schrumpft. Das bedeutet auch, dass in einigen Branchen und Regionen bereits Fachkräftemangel herrscht. Doch das ist erst der Anfang. Was bedeutet das für unseren Wohlstand und was können wir tun? 

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Fachkräftemangel

Die Gründe für eine schrumpfende Bevölkerung sind weltweit die gleichen. Es sind nicht etwa Krankheiten, Kriege und Naturkatastrophen. Auslöser ist vielmehr der zunehmende Wohlstand – mehr Bildung, ein besseres Gesundheitswesen. Wir leben länger und gesünder und bekommen weniger Kinder.

Fachkräftemangel bedeutet sinkenden Wohlstand

Dieser Trend zeigt sich in den reichen Ländern in Europa, den Vereinigten Staaten und Teilen von Asien besonders deutlich. Beispiel: Südkorea. Dort sank die Geburtenrate im Jahr 2022 laut Statista auf 0,87 Kinder pro Frau. Seoul ist mit 0,6 Kindern pro Frau wahrscheinlich die kinderärmste Stadt der Welt. Nach einer Analyse der Gates Foundation könnte die Zahl der Menschen bis 2100 um eine Milliarde abnehmen, vielleicht sogar um zwei Milliarden. Weniger Menschen können dann auch nur weniger Arbeit erledigen. Aber das ist genau das, was das Wirtschaftswachstum der letzten Jahrhunderte getriggert hat – insofern bedeutet ein Bevölkerungsrückgang in der Regel einen Fachkräftemangel und den Verlust an Wohlstand.

Auf der anderen Seite muss eine schrumpfende Gesellschaft in Zeiten der Klimakrise nicht unbedingt schlecht sein: Weniger Konsum, weniger Verkehr, weniger Fleischverzehr und weniger Geburten können dazu beitragen, unseren Planeten zu erhalten. Aber wir müssen auch bedenken, was das für die Wirtschaft bedeutet.

Ohne Zuwanderung geht es nicht

Wahrscheinlich geht die deutsche Erwerbsbevölkerung bis 2100 um ein Drittel zurück. Das prognostizieren die Autoren von „Fertility, mortality, migration, and population scenarios for 195 countries and territories from 2017 to 2100“ in „The Lancet“, einer der renommiertesten medizinischen Fachzeitschriften der Welt. Es ist davon auszugehen, dass wir unseren jetziger Lebensstandard nur durch gezielte Maßnahmen wie etwa Zuwanderung und den Einsatz technischer Innovationen aufrechterhalten können.

Bereits jetzt bemerken wir in der Gastronomie, den Krankenhäusern, in der Logistik, am Flughafen und in den Kitas, was der Arbeitskräftemangel bewirkt – und das ist erst der Anfang. Ein Rückgang an Lehrern, Ärzten, IT-Kräften und Ingenieuren führt dazu, dass Unternehmen weniger produzieren können. Damit einher geht, dass weniger Menschen die Produkte von Unternehmen nachfragen. Weniger Konsum lässt die Gewinne schrumpfen. Das Wirtschaftswachstum geht zurück – 250 Jahre nach dem Beginn der industriellen Revolution. 

Welche Lösungsansätze gibt es?

Laut Arbeitsmarktexperten gibt es vor allem diese Stellschrauben, an denen Unternehmen und Politik drehen müssen: 

  • Mit einer effektiven Zuwanderungspolitik kann ein Land trotz niedriger Geburtenraten mehr Arbeitskräfte gewinnen. Die USA zeigen, wie erfolgreich dieses Konzept sein kann. Prognosen zufolge brauchen wir bis 2060 in Deutschland 400.000 Zuwanderer im Jahr, um unsere Sozialsysteme aufrechtzuerhalten. Das geht aus einer Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit hervor. Daher müssen Politik und Wirtschaft darüber nachdenken, wie der Standort für Menschen aus dem Ausland attraktiver werden kann. Eine Studie des Tübinger Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung im Auftrag der Bundesagentur für Arbeit stimmt nachdenklich: Viele der fast 1.900 befragten ausländischen Arbeitskräfte gab an, Deutschland schnell wieder den Rücken kehren zu wollen. Sie beklagen eine fehlende soziale Integration. Von Fachkräften aus außereuropäischen Ländern erklärten zwei von drei, Diskriminierung aufgrund ihrer Herkunft erfahren zu haben. Außerdem macht es eine mangelnde Sprachförderung bei Kindern dem Nachwuchs schwer, später auf dem deutschen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.
  • Darüber hinaus sollten Unternehmen weitere Zielgruppen entdecken und für sich gewinnen: Noch immer gibt es bei Teilzeit arbeitenden Müttern großes Potenzial. Doch die Betreuung in den Kitas ist noch lange nicht ausreichend und flexibel genug. Auch wird sich das Problem verschärfen, wenn immer mehr alternde Familienangehörige Hilfe brauchen. Vermutlich springen dann wieder die Frauen als Care-Arbeiterinnen ein, weil es nicht genug Fachkräfte im Pflegebereich gibt. Auch Menschen mit Behinderungen sollten Unternehmen viel stärker in den Fokus rücken und ihnen Angebote machen. Immer mehr Arbeitgeber setzen zudem auf „Aging Workforce“ – Renter:innen, die noch länger arbeiten möchten. 
  • Eine weitere Maßnahme im Umgang mit dem Fachkräftemangel ist die Automatisierung und Digitalisierung. Am Beispiel von Japan sehen wir, dass durch smarte Technik auch eine alternde und schrumpfende Gesellschaft gut zurechtkommen kann. Innovation und Fortschritt sind nötig, wenn weniger Erwerbstätige einen Staat aufrechterhalten sollen, der mehr pflegebedürftige Menschen schultern muss. Daher sollte sich Arbeit revolutionieren – weg von Geschäftsmodellen, die auf gering qualifizierten Arbeitnehmern basieren, die ihre Arbeitskraft zu geringen Löhnen anbieten. Automatisierung sollte einfache Arbeiten übernehmen. Ein Beispiel für das große Veränderungspotential der Arbeitswelt haben wir gesehen, als zu Beginn des 21. Jahrhunderts die Digitalisierung einsetzte. Unter den zehn größten Firmen der Welt sind heute acht Tech-Unternehmen, die neue Märkte geschaffen haben, von denen zuvor niemand wusste, dass diese überhaupt existieren. Zudem ist Innovation noch aus einem anderen Grund unerlässlich: Nur mit ökologisch und wirtschaftlich nachhaltigen Geschäftsmodellen und Produkten werden wir der Klimakrise und dem Artensterben erfolgreich begegnen können.

All diese Ansätze zeigen: Denken in Möglichkeiten ist einmal mehr der beste Weg. So können wir auch angesichts der demografischen Entwicklungen gute Lösungen finden, die unsere Gesellschaft vielfältiger machen und unseren Wohlstand sichern.

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