Zukunftsmanagement: „Menschen wollen große Aufgaben“

COPETRI organisiert nicht nur das große Präsenz-Event COPETRI CONVENTION, sondern hat kürzlich ein neues, digitales Event-Format gelauncht: Bei „Read&Meet“ stellen wir regelmäßig Autor:innen vor, die spannende Bücher zu unseren Kernthemen Innovation, Transformation und People Management geschrieben haben. Den Auftakt machte Mitte November 2022 Pero Mićić mit seinem neuen Buch „Bright Future Business – So machen Sie Ihr Unternehmen jetzt zukunftssicher“ (Gabal Verlag, erschienen im Oktober 2022). Der renommierte Berater für Zukunftsmanagement stellte den über 30 Teilnehmer:innen sein Buch vor und beantwortete eine Stunde lang Fragen dazu. Pero mahnt, dass viele Unternehmen – ähnlich wie Politiker – in der „Kurzfristfalle“ feststecken. Im COPETRI-Interview erläutert er, welche Strategien Firmen helfen, auch in Zukunft erfolgreich zu sein.

Pero, als erstes eine Frage zu unserer Veranstaltung letzte Woche. Wie hat dir denn unser neues Format „Read&Meet“ gefallen? Gab es Überraschungen?

Das Format hat mir sehr gut gefallen. Allerdings habe ich – anders als der Programmname es vermuten lässt – nicht aus dem Buch vorgelesen. Aber ich denke, die Art der Präsentation war eindrucksvoller als es eine Lesung hätte sein können. Gerade die anschließende Diskussion ist für uns Autoren immer interessant, denn das, was wir geschrieben haben, wissen wir. Doch was die Menschen darüber hinaus interessiert, regt uns zum Nachdenken an. Es war interessant zu erfahren, was Menschen über die Zukunft der deutschen Unternehmen hören möchten, insbesondere über die Automobilindustrie, die zu den wichtigsten Branchen gehört.

Der Titel deines Buchs „So machen Sie Ihr Unternehmen JETZT zukunftssicher“ suggeriert, dass das Thema viel zu lange ignoriert wurde und nun schnell gehandelt werden muss …

In der Tat schieben wir die Zukunft gern vor uns her. Ich habe die These aufgestellt, die auch wissenschaftlich begründet ist, dass der Mensch kurzsichtig ist, dass er die gute Zukunft opfert, damit es ihm im Hier und Jetzt gut geht. Das hat insbesondere die europäische Wirtschaft viel gemacht. Um beim Beispiel Automobil zu bleiben: Diese Industrie hat lange ignoriert, dass sie in die Entwicklung von Elektroantrieben investieren muss. Man hat versucht, das zu verhindern und verlangsamt. Nun kommt man nicht hinterher und vermutlich werden Anbieter aus China oder Tesla sehr viel mehr E-Autos verkaufen als gedacht – natürlich zum Nachteil der deutschen Industrie. In anderen Branchen ist das ähnlich. Daher ist es wichtig, das eigene Unternehmen JETZT zukunftssicher zu machen und nicht nur die große Vision für die Zeit in zehn Jahren zu entwickeln.

Mehr zu Pero Mićić

Prof. Dr. Pero Mićić ist Autor, Speaker und Experte für Zukunftsmärkte und Strategie. Er studierte Wirtschaftswissenschaften und hat 2007 an der Leeds Business School in Großbritannien promoviert. 1991 gründete Pero sein Unternehmen für Zukunftsmanagement-Beratung mit Sitz in Eltville bei Wiesbaden. Seit 2018 arbeitet er auch im Rat für Digitalethik der Hessischen Landesregierung. 2019 nahm Pero einen Ruf der Steinbeis-Hochschule Berlin an und ist dort Professor für Foresight and Strategy. Außer Englisch spricht der 55-Jährige Serbo-Kroatisch und Französisch. Pero ist verheiratet und beschäftigt sich in seiner Freizeit mit Geschichte oder entspannt beim Bogenschließen.

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Die Automobilindustrie ist ein Beispiel, wie Trends verschlafen wurden. Welche anderen Branchen betrifft das noch?

Bei allem, was Künstliche Intelligenz einschließt, sind wir in der Entwicklung viel zu weit hinten dran. KI ist die Technologie der Zukunft. Wir haben unsere Welt mit dem wichtigsten und mächtigsten Werkzeug gebaut, das wir haben – nämlich mit unserem Gehirn. Nun verstärken wir dieses Gehirn durch KI und werden dadurch noch produktiver und kreativer. Leider haben wir in dieser Hinsicht derzeit das Nachsehen. Schauen wir nach China. Dort können die Unternehmen mit weniger Rücksicht auf die Gesellschaft und sehr pragmatisch agieren. Sie haben zwar nicht die meisten Patente, aber sie setzen sehr konsequent um. Dabei verfügen deutsche Unternehmen über die meisten Patente für autonomes Fahren. Wir sind zu langsam und zu vorsichtig, behindern uns selbst durch wohlgemeinte gesetzliche Regulierungen. Daher plädiere ich immer dafür, nicht auf die Politik zu warten, sondern zuerst im eigenen Unternehmen Einfluss zu nehmen und selbst aktiv Zukunft zu gestalten.

Du nennst dieses Zögern von Unternehmen, sich mit der Zukunft zu beschäftigen, die „Kurzfristfalle“. Hast du ein Beispiel, was dieses kurzfristige Denken anrichten kann?

Ich habe vor 23 Jahren mit einem deutschen Fernsehhersteller über die Entwicklung von Flachbildschirmen diskutiert. Das Unternehmen war unwillig, in diese neue Technik zu investieren, konnte nicht nachvollziehen, warum Leute für einen Flachbildschirm viel mehr Geld ausgeben würden, bloß, um hinter dem Bildschirm Platz zu sparen. Warum denken Unternehmen so? Weil sie eine wunderbar funktionierende Produktionsanlage für Röhrenfernseher besaßen. Das ist lange her, aber diese Fehleinschätzungen passieren immer noch jeden Tag. Was wunderbar funktioniert, will man nicht ändern. Nun sind Unternehmer nicht träger als andere, im Gegenteil, aber sie wollen gern bewahren, was sie haben. Sie können sich oft nicht vorstellen, dass man mit einer neuen Technologie beim Endkunden die gleiche Wirkung erzielen kann, wie man sie einst mit dem ursprünglichen Produkt erzielen konnte. Die Verlustangst des Menschen ist immer größer als die Gewinnlust. Dieser Mechanismus führt dazu, dass wir oft unsere gute Zukunft opfern, damit es uns im Hier und Jetzt gut geht. Unser Gehirn ist so gebaut, dass es uns HEUTE gut gehen soll. Wir kommen aus einer Zeit, in der die Zukunft nicht gezählt hat. Vor 20.000 Jahren war es nicht nötig, bewusst für die Zukunft vorzusorgen, also hat uns die Evolution nicht darauf vorbereitet.

Aber es gibt doch immer Unternehmen, die mehr Zukunft wagen. Das waren vielfach auch deutsche Unternehmen. Ist uns dieser Innovationswille abhanden gekommen?

Ich denke nicht, dass das ein deutsches Problem ist. Es ist vielmehr ein europäisches Problem. Wir haben so viel erreicht, sind so weit gekommen, dass wir das für selbstverständlich erachten und daher nicht glauben, dass wir uns weiterentwickeln müssen, allein schon um das Bestehende zu bewahren. Dieser Geist des Wachsen Wollens ist in Asien viel stärker als bei uns. Und damit meine ich nicht quantitatives Wachstum und noch mehr Ressourcenverbrauch, sondern Wachstum der Lebensqualität. Diese darf ewig weiterwachsen.

Wie können sich deutsche Unternehmen vor den Wettbewerbern aus Asien schützen?

Das Wichtigste ist ein erfolgreiches Geschäftsmodell. Mich wundert, dass viele Unternehmen wenig dafür tun, es den Wettbewerbern schwer zu machen, ihr Geschäftsmodell zu kopieren. IKEA ist so ein altes Beispiel für ein Geschäftsmodell, das gar nicht kopiert werden konnte, weil es eine einzigartige Kombination sich gegenseitig unterstützender Elemente beinhaltete. Der Selbstzusammenbau für eine Zielgruppe, die lieber Geld als Zeit sparen will, das Restaurant, der schwedische Humor. Ich habe in meinem jüngsten Buch viele Beispiele für Unternehmen, die aus meiner Sicht alle oder zumindest viele Eigenschaften eines zukunftssicheren Unternehmens erfüllen. Tesla hat sich insofern vertikal integriert, als dass das Unternehmen 80 Prozent des Wertes am Auto selbst produziert und nur 20 Prozent einkaufen muss. Bei der klassischen Automobilindustrie waren das einmal 20 bis 30 Prozent, die der eigentliche Hersteller selbst produziert hat. Eine gewisse Einzigartigkeit zu kreieren, ist der beste Weg, sich vor Wettbewerbern zu schützen. EIN Alleinstellungsmerkmal reicht nicht aus. Das kann schnell kopiert werden. Aber bei einer komplexen Anordnung von Alleinstellungsmerkmalen, die sich gegenseitig unterstützen, bekommen Wettbewerber das nicht so schnell hin.

Lass uns nun über die Zukunft der Arbeitswelt reden. Wie sieht denn die zukünftige Welt für Arbeitnehmer:innen im besten Fall aus?

Die Frage ist, wie man diesen besten Fall definiert. Was wir bereits heute wissen, ist, dass wir über Arbeit und Einkommen neu nachdenken müssen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass alles, was der Mensch kognitiv kann, nach und nach von Künstlichen Intelligenzen übernommen werden kann. Was der Mensch physisch kann, wird die Robotik übernehmen, weil das wirtschaftlicher, bequemer und sicherer ist. Es steigert die Produktivität. Insgesamt würden wir uns alle darüber freuen, denn wir hätten weniger Arbeit, die niemand wirklich tun möchte und könnten uns erfüllenderen Aufgaben widmen. Wir werden weniger langweilige Aufgaben, weniger gefährliche Aufgaben ausüben müssen. Denn dafür haben wir die Maschinen. Das einzige Problem dabei ist: Wir haben das Konstrukt der abhängigen Beschäftigung geschaffen. Daher gehen solche Innovationen immer gegen die Beschäftigten. Denn dass diese Künstlichen Intelligenzen nicht uns allen gehören werden, sondern Einzelnen, ist problematisch. Ein Teil von uns würde mehr Einkommen, mehr Eigentum an diesen neuen Technologien haben, anderen würde gar nichts gehören. Eine Beteiligung aller an diesen Unternehmen wird es leider kaum geben. Ich glaube, dass wir in Zukunft den Menschen ein Basiseinkommen oder Basisvermögen zahlen müssen, denn viele werden nicht in der Lage sein, durch klassische Arbeit ein Einkommen zu erwirtschaften.

Aber so weit sind wir noch nicht. Im Moment haben wir eher zu wenig qualifizierte Arbeitnehmer:innen. Das gefährdet auch die Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts. Was können Unternehmen tun, um diese Ebbe zu überwinden?

In dieser Hinsicht gibt es zwei Ebenen: Zum einen kann ein Unternehmen alles bieten, was es an Annehmlichkeiten gibt und was es sich leisten kann oder leisten will. Der Fantasie ist keine Grenze gesetzt. Aber auf dieser Ebene kann man nicht wirklich lange gewinnen, denn das kann letztlich sehr teuer werden und von allen Unternehmen nachgemacht werden: Yogakurse, Tischtennis, Kinderbetreuung oder Haustiermitnahme – all das macht Unternehmen zu Erwachsenen-Tagesstätten, provokativ gesagt. Was wir wirklich brauchen, ist eine zweite Ebene – und die muss einzigartig sein. Wohin will das Unternehmen? Was ist die Mission? An welchen spannenden Inhalten arbeitet die Firma? In den USA ist das beliebteste Unternehmen bei Ingenieuren Space X, das daran arbeitet, die Menschheit multi-planetar zu machen. Das ist einfach eine großartige Aufgabe, die vielleicht größte Mission, die sich ein Unternehmen jemals vorgenommen hat.

Eine andere großartige Aufgabe ist es, den Wandel zu nachhaltiger Energie und nachhaltigem Transport zu beschleunigen und die Energieinfrastruktur der Erde zu transformieren, so wie Tesla das anstrebt. Oder schauen wir uns an, was Yunus macht – mit Mikrokrediten in Entwicklungsländern der dortigen Wirtschaft zu helfen, sich zu entwickeln. Das ist etwas Positives, das Menschen und damit potenzielle Arbeitnehmer:innen gern mittragen wollen. Es gibt auch Unternehmen wie OpenAI, bei denen Menschen arbeiten, die woanders nachweislich viel mehr Geld verdienen könnten. Doch sie arbeiten lieber daran, dass Künstliche Intelligenz allen zugutekommt – und nicht wenigen. Es ist nötig, dass Unternehmen ein Zukunftsbild haben, zu dem sie Menschen hinführen. Ich glaube, dass man ohne ein solches Zukunftsbild heute gar nicht mehr führen kann.

Pero, vielen Dank für das Gespräch!