Organisationelle Ambidextrie: Effizienz und Innovationskraft

Für die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen wird immer entscheidender, ob sie radikal innovativ agieren können. Doch dem steht die Notwendigkeit gegenüber, Prozesse effizient zu gestalten. Der Ansatz, beides miteinander zu vereinbaren, nennt sich Ambidextrie. Der Begriff stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „beidhändig“. Anja Höft von Stihl und Patrick Olivan von Lapp bringen dieses Thema in die COPETRI CONVENTION 2022 ein. Im Vorab-Interview berichten sie, welche Ansätze sie in ihren Unternehmen jeweils verfolgen.

ANJA UND PATRICK, IHR ARBEITET BEIDE AM THEMA AMBIDEXTRIE, ABER BEI VERSCHIEDENEN UNTERNEHMEN. WIE KOMMT ES, DASS IHR AUF DER COCON22 EINEN GEMEINSAMEN VORTRAG UND WORKSHOP ANBIETET?

PATRICK: Wir haben beide über Ambidextrie promoviert und pflegen seit einiger Zeit einen firmenübergreifenden Austausch. Bei mir steht immer die Frage im Fokus: Wie machen es andere Unternehmen? Welche können mich inspirieren? Es hat sich gezeigt, dass wir ähnliche Herausforderungen haben, aber unterschiedliche Lösungswege gehen. Das war sehr interessant für mich.

ANJA: Unser Austausch ist sehr fruchtbar, gerade, weil wir unterschiedlich an die Sache herangehen. Wir bei Stihl verfolgen einen strukturellen Ansatz. Das heißt, es gibt einen eigenen Bereich, der sich mit digitalen Innovationen beschäftigt, nach skalierfähigen Geschäftsmodellen sucht und diese entwickelt

PATRICK: Wir haben hingegen keine eigene Abteilung für Innovationen, sondern arbeiten mit derselben Mannschaft, die auch für das Kerngeschäft zuständig ist. Um Innovationen zu entwickeln, setzen wir kontextuelle Projekte und Workshops auf. Für diese nehmen wir die Mitarbeiter:innen aus ihrem Tagesgeschäft heraus, denn es braucht echte Freiräume ohne starre Prozesse und Rollen, um innovativ arbeiten zu können.

DAVON WERDET IHR AUF DER COCON22 AUSFÜHRLICHER ERZÄHLEN. WAS GENAU ERWARTET EURE ZUHÖRER:INNEN?

PATRICK: Wir vergleichen unsere Herangehensweisen und beleuchten die Vor- und Nachteile. Bei uns ist der Aufbau von spezifischen Kompetenzen zum Beispiel eine Herausforderung, da ja keine:r von uns per se ein:e Expert:in für Innovationsmanagement ist. Da hat es Stihl mit einem eigenen Bereich sicher leichter.

ANJA: Ja, in dieser Hinsicht schon. Wir können gleich entsprechend qualifizierte Mitarbeiter:innen für unseren Bereich einstellen. Aber bei uns ist es wiederum ein großes Thema, wie wir unsere Learnings ins gesamte Unternehmen übertragen. Wir müssen im Vergleich zu Lapp zum Beispiel sehr viel intensiver kommunizieren. Aber auch wenn Patrick und ich unterschiedlich arbeiten, gibt es wichtige Gemeinsamkeiten: Wir sind beide wie Synapsen, die die Impulse in bestimmte Bahnen lenken und verknüpfen. Wir vernetzen Menschen und wollen sie inspirieren – damit zusammenkommt, was sich sonst nicht getroffen hätte, ganz nach dem Motto der Serendipity, des „glücklichen Zufalls“. Unsere Unternehmen zählen beide zum Mittelstand und daher ist es keineswegs selbstverständlich, dass Ressourcen für radikale Innovation durch Ambidextrie bereitgestellt werden. Lapp und Stihl agieren hier sehr entschieden.

 

ALS VORAUSSETZUNG FÜR GELINGENDE AMBIDEXTRIE WIRD OFT EINE ENTSPRECHENDE UNTERNEHMENSKULTUR GENANNT. WARUM IST SIE SO WICHTIG?

PATRICK: Eine Kultur, die offen ist für Irrläufer, ist entscheidend für funktionierende Innovationsräume. Mit unserem „why-notter“-Mindset probieren wir Dinge aus, machen Fehler, arbeiten iterativ und entwickeln Piloten. Dabei entstehen auch Widersprüche zum bestehenden Geschäft. Wenn ein Unternehmen Ambidextrie ernst nimmt und sich wirklich auf den Weg macht, entwickelt sich eine völlig neue, „beidhändige“ Kultur.

ANJA: Ich denke, dass diese offene Kultur für alle Bereiche des Unternehmens wichtig ist, denn nur dann entsteht eine lernende Organisation. Wir investieren deshalb viel Zeit, um ein Mindset zu fördern, dass zur Effizienz im Tagesgeschäft auch Exploration und Kundenzentrierung erlaubt. Dafür bieten wir Trainings im gesamten Unternehmen an.

PATRICK: Auch auf der Convention wollen wir Lust machen auf das Konzept der Ambidextrie. Es stammt aus den USA und ist hier in Deutschland noch gar nicht so weit verbreitet. Dabei meint Steve Blank, der Lean-Startup-Guru aus Silicon Valley: Wer Ambidextrie in diesem Jahr nicht endlich angeht, ist in großen Schwierigkeiten.

Anja und Patrick, vielen Dank für das Gespräch! 

 

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