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Mediation: „Wir sollten Konflikte viel stärker thematisieren.“

Konflikte gibt es überall, wo Menschen zusammenkommen. Im Business können zwei Personen, aber auch ganze Teams davon betroffen sein. Dann unterstützt Antonia Jennewein als externe Mediatorin bei der Lösung. Sie meint: Mediation ist eine sehr lohnende Investition, die noch viel zu wenig genutzt wird!

ANTONIA, WAS GENAU IST EIN KONFLIKT?

Bei einem Konflikt geht es in der Regel um Verletzungen von Werten oder Bedürfnissen der beteiligten Personen. Wenn sie über einen längeren Zeitraum hinweg verletzt werden, entwickelt sich eine Spannung, die dann in einen Konflikt mündet. Positiv ist, dass sich diese Werte und Bedürfnisse, wie zum Beispiel Anerkennung und Wertschätzung, decken können, obwohl es aufgrund unterschiedlicher Kommunikation nicht ersichtlich und inhaltlich nicht in gleicher Weise ausgeprägt sein muss. Anerkennung kann zum Beispiel für den einen eine Beförderung sein und für die andere Flexibilität für die eigene Arbeitsgestaltung. Das Bedürfnis ist also das gleiche, das konkrete Interesse aber unterschiedlich ausgerichtet. Schaut man genau darauf, wird es möglich, eine nachhaltige Lösung zu finden.

BEGEGNEN DIR BESTIMMTE THEMEN AKTUELL BESONDERS HÄUFIG IN DEINEN MEDIATIONEN?

Im Moment stellt sich in vielen Unternehmen die Frage, wie die konkrete Zusammenarbeit aussehen soll. Das betrifft zum Beispiel Fragen zum Homeoffice und hybriden Arbeiten. Hier machen ja einige Unternehmen eine Rolle rückwärts und wollen ihre Mitarbeiter:innen wieder komplett ins Büro zurückholen. Für viele bedeutet das einen Verlust an Flexibilität und Autonomie. Das sorgt natürlich für Konflikte. Darüber hinaus gibt es oft Streitigkeiten über unterschiedliche Leistungsbereitschaft und Arbeitsweisen.

WIE GEHST DU VOR, WENN UNTERNEHMEN DICH UM HILFE BITTEN?

Typischerweise kommt eine Führungskraft auf mich zu und beschreibt mir einen Konflikt in ihrem Team. Ich führe dann erst einmal Einzelgespräche mit allen Teammitgliedern. Dabei zeigt sich oft, dass die Führungskraft den Konflikt anderes wahrnimmt als er tatsächlich ist. Das liegt daran, dass sich Mitarbeiter:innen ihrem Chef oder ihrer Chefin nicht offenbaren. Führungskräfte sind eben nicht neutral, sondern handeln im Auftrag des Arbeitgebers. Als externe Mediatorin arbeite ich hingegen vertraulich und es dringt nichts aus diesen Einzelgesprächen nach außen. Ich schaue dann, wer wirklich am Konflikt beteiligt ist. Manchmal sind es nur zwei Personen, manchmal auch mehr. Mitunter ist auch die Führungskraft Teil des Problems. Danach empfehle ich, wer an der Mediation teilnehmen sollte und führe diese Personen dann durch einen strukturierten Prozess.

WAS GESCHIEHT IM LAUFE DER MEDIATION MIT DEN BETEILIGTEN? 

Es geht vor allem darum, Verständnis für die oder den andere:n zu entwickeln. Welche Bedürfnisse und Werte hat er oder sie? Welche Verletzungen sind entstanden? Deshalb ist es meine Hauptaufgabe, zwischen den Gesprächspartner:innen zu übersetzen, denn meine Worte erreichen sie besser. Wenn ich mein Gegenüber verstehe, kann ich mich öffnen und in den Gesprächen eine gemeinsame Lösung finden, die kein Kompromiss ist, sondern selbstbestimmt entwickelt wird und beide Interessen sowie Bedürfnisse erfüllt. Diese Lösung wird am Ende schriftlich vereinbart.

WIE SOLLTEN FÜHRUNGSKRÄFTE MIT KONFLIKTEN IN IHREM TEAM UMGEHEN?

Es ist schon ein erster Schritt, einen Konflikt überhaupt wahrzunehmen, denn die Beteiligten entwickeln häufig Vermeidungsstrategien. Sie wollen der anderen Person möglichst selten begegnen und möglichst wenig mit ihr zusammenarbeiten. Mitunter bekommt die Führungskraft also wenig von dem Konflikt mit. Doch die Entwicklung verstärkt sich mit der Zeit und wird oft in Meetings sichtbar. Denn in Konflikten verändern sich Mimik, Körpersprache und Umgangston. Es ist wichtig zu reagieren, wenn diese Zeichen auftreten oder Kritik zum Beispiel nicht mehr inhaltlich ist, sondern jemand gegen einen Kollegen oder eine Kollegin schießt. Die Führungskraft kann das nicht ignorieren oder aussitzen, denn sie ist für die Kultur und damit auch den Umgang mit Konflikten im Team verantwortlich. Gleichzeitig sollte sie aber auch erkennen, dass sie nicht neutral ist und deshalb nur begrenzt vermitteln kann.

LOHNT ES SICH FÜR UNTERNEHMEN WIRKLICH, IN MEDIATION ZU INVESTIEREN?

Auf jeden Fall! Konflikte verbrennen viel Energie und die Beteiligten sind weniger leistungsfähig. Studien bestätigen, dass 85 bis 90 Prozent der Konflikte durch Mediation nachhaltig gelöst werden. Nur in sehr seltenen Fällen handelt es sich bei den Betroffenen um toxische Personen, von denen sich ein Unternehmen im Sinne der positiven Zusammenarbeit trennen sollte. Die meisten Menschen wünschen sich eine gemeinsame Lösung. Ich plädiere generell dafür, viel offener mit Konflikten umzugehen, weil sie wirklich überall auftreten und wir wieder wichtige Energien freisetzen, wenn wir sie lösen.

Antonia, vielen Dank für das Gespräch! 

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