Im Interview mit COPETRI gibt Ralf Paul Bittner als Bürgermeister von Arnsberg Einblicke in die Digitalisierungsstrategie der Verwaltung und berichtet über den Transformationsfortschritt im Mittelstand Südwestfalens.

Ralf Paul, vielen Dank für deine Zeit! Du bist Bürgermeister der Stadt Arnsberg im Sauerland. Stell doch bitte deinen Wirkungskreis kurz vor für all diejenigen, die sich im Land der tausend Berge vielleicht nicht so gut auskennen.

Ich bin natürlich befangen, wenn ich sage, dass das Sauerland für mich zu den schönsten Regionen in ganz Deutschland zählt: Wir leben hier in einer der waldreichsten Gegenden bundesweit, mit mehreren großen Stauseen in der Umgebung, großartigen Wander- und Fahrradstrecken und idyllischen Ortschaften sowie Städten mit tollen Sehenswürdigkeiten. Südwestfalen ist der Sitz vieler Weltmarktführer. Arnsberg selbst ist mit seiner historischen Altstadt und der Shoppingmeile in Neheim sehr facettenreich und zugleich meine Heimat, in der ich aufgewachsen bin.

Fast 90% der Haushalte in Arnsberg sind online aktiv, ob zum Shoppen oder Informieren. Welche Schritte wurden bis dato unternommen, damit auch die Verwaltungsdienstleistungen digital abgebildet werden können?

Wir haben schon vor längerer Zeit damit angefangen, unser Online-Service-Portal aufzubauen. Mittlerweile sind dort knapp 100 Behördendienste aus fast allen Lebensbereichen unserer Stadt online zu finden, zum Beispiel die Suche und Anmeldung eines Kitaplatzes von Zuhause aus. Viele weitere Services unserer Stadtbüros und anderer Dienststellen sind außerdem unabhängig von Öffnungszeiten digital abrufbar. Daneben bieten wir seit einigen Monaten eine Online-Beteiligungsplattform an, die wir ganz vielfältig einsetzen, unter anderem für digitale Bürgerbeteiligungen, Umfragen oder Sprechstunden.

Wie werden diese Angebote mittlerweile angenommen?

Zunehmend immer mehr. Die Corona-Lockdowns haben digitale Services nochmal notwendiger gemacht, sodass die Zugriffszahlen insbesondere in den letzten Monaten deutlich gestiegen sind.

Im Sauerland leben viele ältere Menschen, die gerne noch einen persönlichen Ansprechpartner vor Ort haben. Wie geht die Arnsberger Verwaltung mit diesem Spagat aus „persönliche Ansprechpartner vorhalten“ und „immer mehr Services digital anbieten“ um?

Ich würde hier nicht von einem Spagat, sondern von einer Win-win-Situation sprechen: Je mehr Dienste wir für die Menschen digital anbieten, desto mehr gewinnen wir an Zeit für Beratung und guten Service. Denn wir wissen, dass der persönliche Kontakt und die Bereitschaft für Fragen rund um ein Bürger*innenanliegen zur Verfügung zu stehen, wichtiger denn je ist. Während der Lockdown-Zeiten konnten wir gute und wichtige Erfahrungen sammeln, unseren Services über mehrere Zugänge anzubieten – analog wie digital.

Die Transformation war und ist sicherlich auch für die Mitarbeiter:innen in der Verwaltung herausfordernd. Wie hast du Skeptiker überzeugt?

Wir sind noch mitten im Transformationsprozess und müssen immer wieder von Neuem Überzeugungsarbeit leisten. Die Mitarbeiter*innen gewinnen wir dann, wenn wir den Aufbau digitaler Kompetenzen aktiv befördern und unterstützen und gleichzeitig aufzeigen, dass gute Tools und digitale Methoden für die praktische Arbeit in den Abteilungen einen direkten Nutzen für die Kolleg*innen haben. Bei der Digitalisierung unserer internen Prozesse haben wir noch einen Weg zu gehen und werden dieses Reengineering professionell begleiten lassen.

In Südwestfalen gibt es zahlreiche „Hidden Champion Unternehmen“. Mit welchen Maßnahmen habt ihr die digitale Transformation in Unternehmen in der Region unterstützt und wie wurden diese angenommen?

Der Ansatz unserer Wirtschaftsförderung lautet, junge Menschen mit guten Ideen mit dem Mittelstand zusammenzubringen. Hier arbeiten wir eng mit den Kommunen in der Region und den Hochschulen zusammen. Das bedeutet einerseits eine enge Verzahnung von Wirtschaft und Wissenschaft sowie andererseits die passenden Angebote für Unternehmen zu entwickeln. 

Deutsch-Dänische Handelskammer
Stadt Arnsberg

Da gab es in der Vergangenheit schon einige spannende Formate, wie die „Digital Scouts“ – eine Workshopreihe zum Thema Digitalisierung für Mitarbeitende von kleinen und mittleren Unternehmen. Hervorheben möchte ich auch das Kaiserhaus in Arnsberg, ein moderner Standort für verschiedenste Unternehmen und viel Platz für Co-Working-Spaces. Wir unterstützen Start-Ups gleichermaßen wie andere Unternehmen und bringen sie hier idealerweise in Kontakt, um voneinander zu profitieren.

Wie digital ist die Arnsberger Wirtschaft mittlerweile – wie hoch ist beispielsweise der Anteil am eCommerce?

Viele örtliche Betriebe haben in der Digitalisierung eine Chance erkannt. Dabei sind die Aktivitäten im eCommerce nur ein Segment von vielen. In Arnsberg gibt es sehr starke Akteure im Bereich lokales Online-Shopping, z. B. Flobee, Hofladen oder GL Mode. Darüber hinaus nehmen etliche Unternehmen an digitalen Systemen teil, wie der Arnsberger Shoppingcard. Corona hat die digitale Transformation in einigen Betrieben deutlich beschleunigt, sodass in der Krise flexible und kreative Lösungen gefunden wurden. Dabei unterstützen wir als Stadt die lokalen Betriebe mit unseren Partnern, zum Beispiel der IHK Arnsberg, und bieten in Kooperation regelmäßig Workshops und Schulungen an, von SEO bis zum Aufbau von Online-Shops.

Zum regionalen eCommerce-Anteil gibt es keine validen Zahlen. Laut einer IHK-Umfrage liegt die Selbsteinschätzung der deutschen Unternehmen im Durchschnitt bei 2,9 (Schulnoten-System). Aufgrund unserer gesunden mittelständischen Wirtschaftsstruktur mit mehreren Weltmarktführern würde ich vermuten, dass wir das Umfrageergebnis auch auf Arnsberg anwenden können.

Als letzte Frage: Wie beurteilst du die bisher erreichten Fortschritte bei der digitalen Transformation der Verwaltung, aber auch der regionalen Wirtschaft, und welche Learnings ergeben sich für dich daraus für die Zukunftsfähigkeit der beiden Bereiche?

Das wichtigste Learning vorab für die Verwaltung ist, Innovationen von den Bedürfnissen der Menschen her zu denken, nicht von den technischen Möglichkeiten. Die können und sollten unbedingt in Prozessoptimierungen miteinbezogen werden, aber nicht der Antrieb für Neuerungen sein. Ich glaube hier haben wir auf kommunaler Ebene schon viel erreicht, aber im internationalen Vergleich hinken die deutschen Behörden immer noch hinterher, was die Digitalisierung von Prozessen einerseits und die Vernetzung der Behörden und ihrer Dienste andererseits betrifft. Hier bräuchte es eine gesamtdeutsche Strategie.

Wichtig ist es vor allem, dass es Menschen gibt, die dieses Thema vorantreiben. Deshalb war es mir sehr wichtig, im Zuge einer Organisationsveränderung das Handlungsfeld Digitalisierung für die Arnsberger Verwaltung als einen der großen Schwerpunkte zu setzen und personell zu verstärken, weil deutlich ist, dass wir als Verwaltungen weiter sein sollten.

Außerdem sind wir Teil im Bundesprojekt „Smart Cities – 5 für Südwestfalen“ mit dem Ziel, Arnsberg zur smarten nachhaltigen Stadt zu entwickeln. Hier kooperieren wir mit unserer regionalen Wirtschaft, die in der Digitalisierung unterschiedlich weit fortgeschritten ist und binden diese beispielweise über unseren neuen Smart-City-Technologiebeirat in die gemeinsame Zukunftsarbeit ein.

BIOGRAFIE

Reiner Perau

Ralf Paul Bittner ist seit Februar 2018 hauptamtlicher Bürgermeister der Stadt Arnsberg. Er studierte an der FH für Öffentliche Verwaltung und schloss als Diplom-Verwaltungswirt ab.

Anschließend hatte er verschiedene Führungsfunktionen bei der Polizei NRW inne, u.a. in der Abteilung für Führung, Management und Recht des Landesamtes für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten.

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